Industrie 4.0 arbeitet hierzulande an den falschen Themen. Es findet eine fabrikfixierte Nabelschau statt, mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung der Produktionprozesse. Von den Protagonisten versprochene Nutzenaspekte machen sich an Fabrikperformance fest - in der Regel ist von Produktivität die Rede. Geht es aber nur darum, lässt sich dies einfacher und mit weniger Investitionsrisiko erzielen. Vom Risiko in der Welt der Vernetzung sein Know-how zu verlieren ganz zu schweigen.

Wie bei jeder großen Veränderung braucht auch Industrie 4.0 eine Vision und eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“. Auf beides warten wir seit fünf Jahren vergebens. Stattdessen hören wir die pauschale Aussage, dass dies nun einmal die nicht aufzuhaltende Zukunft sei. Man fügt noch eine Prise Angst hinzu und behauptet, dass unweigerlich derjenige ins Hintertreffen gerät, der hier nicht mitmacht.

Unbestritten: die Vernetzung von technischen Systemen wird eine Revolution zur Folge haben. Industrie 4.0 – wie sie heute in der Mehrheit verstanden und gelebt wird – leistet hierzu aber keinen Beitrag. Was für ein mächtiges Instrument haben die Protagonisten da in den Händen – und wie kleinmustrig sind die Überlegungen, was man damit machen kann.

Zukunft braucht eine Vision. Solange Industrie 4.0 aber keine Vision hat, wird sie scheitern. Damit es deutlich wird: Performanceverbesserung ist keine Vision. Vernetzung um des Vernetzens willen erst recht nicht. Der Denkhorizont vieler Fürsprecher von Industrie 4.0 endet leider bereits am Werkstor.

Unbestritten ist, dass Inhalte von Industrie 4.0 Einzug in die Fabriken finden. Sie wird mit einigen ausgewählten Lösungen Teilbereiche der Fabrik prägen - dort, wo sie nützlich sind. Damit bleibt Industrie 4.0 aber deutlich hinter den Möglichkeiten zurück.

Es ist das Denken in tradierten Geschäftsmodellen, dass die deutsche Industrie daran hindert, etwas fundamental Neues aufzubauen. Industrie 4.0 kommt nicht über die fabrikfixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung hinaus. Gepaart mit Risikoscheu und der Erwartung von Erfolgsgarantien ist dies ist nicht der Humus für neue Geschäftsmodelle. Wir sind eine exportstarke Industrienation – dies ist Basis unseres Denkens. Bis auf wenige Zeiträume in den letzten 70 Jahren waren wir erfolgreich in den „alten“ Modellen. Ob diese Modelle aber noch tragen, darf bezweifelt werden.

Noch könnte man gegensteuern. Dazu muss sich Industrie 4.0 aber vom technologischen Selbstzweck hin zu etwas entwickeln, was vom Menschen und vom Markt her gedacht wird. Es muss befreit werden von Dogmen, Angst und blindem Technikglauben. Jedoch: es fehlt der heimischen Industrie die Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell nicht linear fortzuschreiben, sondern es zu zerstören und dafür etwas völlig Neues zu schaffen. Es ist die Phantasiearmut der deutschen Industrie, die hier Sorge macht.

Lassen wir es deshalb also sein? Auf gar keinen Fall!

Denn während in den Fabriken hierzulande an technischen Detaillösungen getüftelt wird, passieren außerhalb dramatische Dinge:

Plattformen und Open Source für Hardware markieren im Kontext der Produktion den Übergang zu einer Netzwerkökonomie. Dabei erscheinen neue Mitspieler am Markt. Sie verfügen über keine eigene Infrastruktur. Vielmehr greifen auf die von ihren Nutzern bereitgestellte Infrastruktur zurück und orchestrieren sie sehr geschickt mit den technischen Mitteln des Netzes.

Darüber hinaus verliert die Produktion das Monopol über die Wertschöpfung. Mit zunehmender Vernetzung breitet sich das Wissen über Produkte und Produktionsverfahren aus. Ob dies mit oder ohne Cloud erfolgt, beeinflusst höchstens die Geschwindigkeit, in der dies passiert, nicht aber die Tatsache als solche.

Wertschöpfung wandert aus den Fabriken zum Kunden. Die hierfür notwendige Technologie ist für jedermann verfügbar. Tech Shops und 3D-Druck versetzen immer mehr Menschen in die Lage, den Produktionsprozess selber durchzuführen – in der gleichen Qualität, wie dies heute noch in Fabriken geschieht.

Darüber hinaus ist Kapital heutzutage leicht erhältlich. Es sucht intensiv nach Anlagemöglichkeiten und ist webbasiert über diverse Fundingplattformen abrufbar.

Netzwerkökonomie und Verlust des Wertschöpfungsmonopols: All dies wird zu gravierenden Umwälzungen führen. Die Antwort hierauf kann aber nicht in der von den Protagonisten von Industrie 4.0 propagierten Performanceverbesserung der Fabriken liegen - von Fabriken, die vielleicht gar nicht mehr benötigt werden.

Wenn das Thema der Vernetzung des Digitalen ein Erfolg werden soll, dann ist eine Abkehr von bisherigen Sichtweisen, Einstellungen und Handlungen notwendig. Die im Folgenden beschriebenen Forderungen sollen diese Abkehr mit Handlungsempfehlungen untermauern.

1. Neue Begriffe – anspruchsvolle Inhalte

Ob der Begriff „Industrie 4.0“ verbraucht ist oder nicht – er trifft nicht den Kern der Botschaft. Er reduziert das Thema unzulässiger Weise auf die Fabrik. Wir brauchen eine neue Bezeichnung für das, was zu tun ist. In diesem Zusammenhang braucht es nicht nur Klarheit sondern auch anspruchsvolle Begriffsstandards. Denn nicht alles ist disruptiv oder revolutionär. Mit erhöhtem Anspruch an die technischen Lösungen wird der Banalisierung und Verwässerung Einhalt geboten, die die Gefahr in sich trägt, zu glauben, man sei fertig, obwohl man doch gerade erst begonnen hat. Auch muss die Sprache des Mittelstands gesprochen werden, statt die Sprache der Forschung, der Verbände und der Politik.

2. Freiheit von Angst und Dogmen

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb ist ein kühler Kopf und eine nüchterne Sicht auf die Dinge zwingend geboten. Nicht alles ergibt einen Sinn. Eine eigene konstruktiv-kritische Meinung zu diesem Thema ist notwendig – anstelle von Dogmen, und unreflektiertem Nachbeten des Gehörten.

3. Perspektivwechsel

Die Diskussion um die vernetzte Wirtschaft muss aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus. Das Thema darf nicht länger einseitig aus der Perspektive der Technologie und der Fabrik diskutiert werden. Das alleine ist noch nicht sinnstiftend. Man würde damit die Fehler von CIM und von Lean Production wiederholen, indem man Lösungen einführt, ohne das zugehörige Problem zu kennen und ohne Vision einer Produktion von morgen.

Die derzeit diskutierten Methoden und Lösungen basieren ausschließlich auf alten Geschäftsmodellen. Auch deswegen muss Industrie 4.0 aus der Technikecke herauskommen und das Thema vom Markt her denken. Es geht darum, sein eigenes Geschäftsmodell unsentimental zu zerstören und etwas Neues aufzubauen.

4. Einbinden in die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts

Ford war bereits vor mehr als einhundert Jahren weiter, als die Protagonisten von Industrie 4.0 heute – er wusste nämlich, warum er es tat. Er hatte eine Vision und machte sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit zu Nutze. Gleiches gilt für Toyota.

Die beiden von Ford und von Toyota ausgelösten geistigen Revolutionen entstanden in einem dazugehörigen Kontext und haben die Technik nicht als Selbstzweck verstanden, sondern gezielt für sich genutzt. Über allem stand eine Vision, eine Idee. Beiden ist gemein, dass es ihnen nicht nur um bloße Performanceverbesserung, sondern um Märkte und Menschen ging. Genau diese Vision benötigen wir heute, sonst bleibt die Vernetzung des Digitalen genau der Selbstzweck, den Ford und Toyota ausdrücklich nicht betrieben haben, und damit äußerst erfolgreich waren.

Das Verhältnis von Kunden, Produzenten und Lieferanten wird derzeit neu verhandelt. Der Stellenwert von Produkten und die Rolle der Fabriken stehen zur Disposition. Auf all dies sind Antworten zu liefern, die über die Vernetzung von Maschinen und Werkstücken weit hinausgehen.

Die Produktion verliert die Hoheit nicht nur über die Wertschöpfung, sondern auch über die Produktentwicklung. Beides wird auch in die Städte wandern, wo sich Kreativität konzentriert. Kleinere Einheiten, MicroFabs oder gar Maker-Werkstätten mit freiem Zugriff auf Produktionsmittel für jedermann bestimmen das Bild.

Die nächste Revolution hat erst dann diese Bezeichnung verdient, wenn sie ihren Nutzen für den Menschen nachweist. Sie sollte aus dem disponiblen und im Zweifel entbehrlichen Produktionsfaktor Mensch den eigentlichen Zweck der industriellen Produktion machen. Der Wertschöpfungsprozess – ganz gleich ob dieser in Fabriken oder außerhalb stattfindet – ist als Katalysator zu begreifen für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt.  

5. Den Wandel gestalten

Der Erfolg dieses Wandels hängt nicht von der Anzahl der Arbeitsgruppen, Exzellenz-Clustern und Initiativen ab, sondern von dem richtigen Denkansatz. Und wenn dieser nun einmal falsch ist, was man für Deutschland bislang noch annehmen darf, dann können im Wochentakt neue Gremien geschaffen werden – dem Ziel kommt man damit nicht näher.

Hinzukommt, dass die geforderten völlig neuen Geschäftsmodelle nicht in einer Umgebung entstehen können, wie sie in vielen deutschen Unternehmen vorherrscht. Einer Umgebung, die geprägt ist durch starre Strukturen und ausgeprägte Hierarchien. Einer Umgebung, in der Erfolg erste Managerpflicht ist, in der Scheitern verboten ist, und mit Karriereende bestraft wird. Einer Umgebung, in der von außen aufgenötigte Renditeversprechungen zu allgemeiner Risikoscheu führen.

Wer in einer solchen Umgebung eine entsprechende Arbeitsgruppe einrichtet hat schon verloren, denn sie agiert im Umfeld von Projektzielen und -budgets, eingepfercht in Meilensteinmeetings und kritisch observiert von Review Boards. Dieses Thema gedeiht ausschließlich auf der grünen Wiese und sein Dünger ist die Anarchie – nur so entsteht wirklich Revolutionäres.

Doch wie auch immer wir dieses Kind der Revolution nennen – wir dürfen es nicht gleichsetzen mit der Fabrik der Zukunft. Die Fabrik der Zukunft ist weit mehr als Technik. Sie muss flüchtig und lernfähig sein und hat eine völlig andere Aufbauorganisation, wenn überhaupt. Sie muss ein offenes System sein, deren Mitarbeiter und Partner in temporären Netzwerken tätig sind. Vor dem Hintergrund des Arbeitens bis weit in das achte Lebensjahrzehnt hinein wird es ein neues Verständnis von Karriere geben müssen. Dazu passt, dass angesichts überall verfügbarer Informationen Fachkompetenz in der Fabrik der Zukunft kein Differenzierungsmerkmal mehr sein wird. Selbstverständlich muss es auch neue Arten des Denkens und des Lernens geben. Und ganz nebenbei: Die Betriebswirtschaftslehre, wie wir sie kennen hat abgewirtschaftet und ist neu zu erfinden. Das alles sind gewaltige Dinge, die aber nicht von alleine geschehen – sie müssen erarbeitet werden. Von daher wäre es ein grober Fehler, sich mit nichts anderem zu beschäftigen, als der Vernetzung digitaler Objekte. Dies ist ein einzelner, wenn auch wichtiger Baustein der Fabrik der Zukunft – mehr aber auch nicht.

Ja, die Vernetzung des Digitalen wird die Welt verändern. Deshalb hat dieses Thema endlich die Technikecke zu verlassen und ist von der Gesellschaft und vom Markt her zu denken. Wir haben die einmalige Chance, uns die Frage zu stellen, wie wir zukünftig wirtschaften, arbeiten und leben wollen und aus den Antworten die richtigen Schlüsse ziehen.