Mittwoch, 20. September 2017

LEANmagazin kritisch | Die Unternehmen müssen jetzt handeln!

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"Die Betriebe sind in der Verantwortung: Wir brauchen alterns- und altersgerechte Arbeitsplätze, also gesunde Arbeitsplätze, damit die Beschäftigten eine reelle Chance haben, gesund in die Rente kommen. Gerade vor dem Hintergrund der Rente mit 67", so der Appell von Werner Cappel, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Verwaltungsstelle Homburg-Saarpfalz.

Im Bildungszentrum Kirkel trafen sich über einhundert Betriebsräte und Schwerbehindertenvertrauensleute auf Einladung des "Saarländischen Gesundheitsnetzes ‚Gesundes Arbeiten – unser Ziel'", um Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. In dem Netzwerk haben sich die vier saarländischen IG Metall Verwaltungsstellen, der Bildungsträger Arbeit und Leben DGB/VHS und die Arbeitskammer zusammengeschlossen.

"Die demografische Situation ist eine Herausforderung für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Die Rente mit 67 soll bei der Bewältigung der demografischen Probleme helfen. Die angeblichen Demografieexperten übersehen jedoch, dass durch die Rente mit 67 ganz neue Probleme geschaffen werden. Wettbewerbsnachteile für die Wirtschaft und erhebliche Zumutungen für die Beschäftigten sind unmittelbaren Folgen. Günstigstenfalls gewinnt man etwas Zeit. Die Nachteile für die Wirtschaft und die Menschen jenseits der demografischen Problematik sind erheblich und weitreichender als der vermeintliche Vorteil. Die Rente mit 67 ist nach wie vor die falsche Lösung für ein tatsächliches Problem", beschreibt Cappel die Situation. Die IG Metall werde die Unternehmen nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Arbeitgeberverbände und ihre Mitgliedsunternehmen hätten die Rente mit 67 gewollt. Jetzt gehe es darum, dass diese Unternehmen in die Arbeitsbedingungen der Menschen investieren. Es seien Bedingungen zu schaffen, so der IG Metaller weiter, die eine Beschäftigung auch im hohen Alter für alle Mitarbeiter eines Unternehmens gewährleisteten. Die Statistiken zur Erwerbsarbeit wiesen dahingehend nur unzureichende Verbesserungen auf: Immer noch erreichten zu wenig Beschäftigte die Regelaltersgrenze.

In erster Linie mangele es an geeigneten Arbeitsplätzen, so Christoph Ecker, Arbeitskammer-Experte für Arbeits- und Gesundheitsschutz, "denn die Unternehmen setzen mehrheitlich auf eine beschleunigte Rationalisierung, Absenkung der Löhne, Produktionsverlagerung in Länder, die noch genügend junge Arbeitskräfte beschäftigen können, oder auf Fachkräftezuwanderung." Eine neuerliche Anknüpfung an die "Schlanke Produktion" (Lean Production) der vergangenen Jahre mit sogenannten "Ganzheitlichen Produktionssystemen" (GPS) verschärfe die Situation zusätzlich. "Hier sind olympiareife Belegschaften gefragt, die aber ebenfalls in kurzer Zeit verschlissen wären. Die Arbeitswissenschaft bezeichnet solche Systeme als unerträglich und unzumutbar", ergänzt Werner Cappel.

"Der Handlungsdruck nimmt zu", sagt AK-Fachmann Ecker. Unternehmen, die die Zeichen der Zeit verstünden und sich an alters- und alternsgerechte Arbeits- und Arbeitsplatzgestaltung orientierten, würden profitieren. Zahlreiche Modelle und Projekte aus Forschung und Wissenschaft warteten bereits auf ihre Anwendung, so zum Beispiel das mit Bundesmitteln geförderte Projekt "Länger arbeiten in gesunden Organisationen" (LagO) vom Saarbrücker ISO-Institut.

Jüngeren wie älteren Beschäftigten müssten gesunde Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden. Dazu müssten die Unternehmen umdenken und jetzt, zur Gewinnung der notwendigen handlungsorientierten Basisdaten, ihre Versäumnisse der letzten 15 Jahre schnellstens korrigieren. "Ich erinnere hier an die Beurteilungen der Arbeitsbedingungen mit entsprechenden Altersstrukturanalysen, die ergonomische Arbeits- und Arbeitsplatzgestaltung, das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM)", so Ecker. Ganz entscheidend, ergänzt Cappel, sei dabei die Beteiligung und Qualifizierung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Führungskräfte.

Unternehmen tragen zwar die Verantwortung im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, oftmals mangele es aber auch an geeigneten Unterstützungsmaßnahmen und klaren Rahmenbedingungen. Hier seien sowohl die Berufsgenossenschaften als auch die staatliche Arbeitsschutzverwaltung zuständig, so wie es in der "Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie" (GDA) über das Arbeitsschutzgesetz vorgesehen ist. Auch die Krankenkassen hätten dahingehend einen gesetzlichen Auftrag, der abgerufen werden könne, so Christoph Ecker über die rechtliche Situation.

Welche Handlungsfelder kommen dabei dem Land zu?

Die GDA müsste landesspezifisch unter Beteiligung der Arbeitnehmervertretungen umgesetzt werden. „Eine Aufstockung auf gut 60 Aufsichtspersonen im Arbeitsschutz ist schon längst überfällig, ebenso ein vernetztes Agieren der Ministerien in den Zuständigkeitsbereichen Gesundheit, Soziales, Umwelt und Arbeit. Diese Voraussetzungen sind notwendig, um die Betriebe flankierend bei all den Fragen um die alters- und alternsgerechte Arbeitsgestaltung zu unterstützen. Der Beratungsauftrag ist ebenfalls im Arbeitsschutzrecht geregelt und wurde auch schon vor Jahren durch die EU erneut eingefordert. Das Land sollte sich bei der Fachkräftesicherung und auch dem Zurückdrängen prekärer Beschäftigungsformen stärker engagieren", lautet Cappels Botschaft an die Landesregierung.

Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung der IG Metall Verwaltungsstellen im Saarland und der Arbeitskammer des Saarlandes vom 11. Oktober 2012

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