Sonntag, 24. September 2017

iPad im Klinikalltag

Copyright: Deutsche Telekom, Rechts: Prof. Dr. med Jan Langreher Links: Dr. Sabine Presser
Text: Frank Griesel, (freier Journalist und arbeitet zu Themen wie Gesundheit, Energie, IT oder Telekommunikation)

Auch im Gesundheitssystem ist der Trend zu mobiler Kommunikation spürbar. Immer mehr Krankenhäuser testen das Arbeiten mit mobilen Systemen wie Tablet-PCs, Smartphones oder eben iPads. Der schnelle Zugriff auf Patientendaten entlastet die Ärzte und kann mehr Qualität in die Pflege bringen. 

Als Dr. Sabine Presser bei der Visite zum ersten Mal mit einem iPad auftauchte, staunten die Patienten nicht schlecht: „Die dachten zuerst ich hätte meinen privaten Computer dabei. Aber als ich den Patienten ihre Röntgenbilder auf dem Bildschirm zeigen konnte, waren sie begeistert. Anhand der Befunde und des Bildmaterials kann ich ihnen jetzt Diagnose und Therapie besser erklären, und die Patienten können dies nun auch gut nachvollziehen", erklärt die Oberärztin.

Praxistest im Waldkrankenhaus Spandau
Seit Anfang April testet das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau die Benutzung eines iPads im Klinikalltag. Der Tablet-PC ist handlich und lässt sich überallhin mitnehmen. Außerdem ist das Betriebssystem bereits nach wenigen Sekunden online und intuitiv bedienbar. Sabine Presser und neun weitere Kollegen tragen das 730 Gramm leichte Gerät ständig bei sich und haben so jederzeit Zugriff auf alle wichtigen Informationen: Arztbriefe, Krankengeschichten, Befunde, Labor- und OP-Berichte, Pflege- oder Verwaltungsdokumente. Das iPad kann die Daten als Bild-, Film-, Ton- oder Textdateien abspielen und anzeigen. Loggen die Mediziner sich bei Dienstbeginn auf ihrem Gerät ein, haben sie einen Überblick über alle Neuigkeiten wie etwa neue Aufnahmen oder Untersuchungsergebnisse.

Die Spandauer Ärzte entwickeln ihr System, Checkpad MED, gemeinsam mit dem Medizin-Softwarehersteller Lohmann & Birkner Health Care Consulting sowie der Deutschen Telekom. Für den Telekommunikationskonzern sind intelligente Netzlösungen ein wichtiges Geschäftsmodell der Zukunft. Das Unternehmen will im Jahr 2015 mit neuen, innovativen Internetlösungen in den Bereichen Energie, Automotive und Gesundheit rund eine Milliarde Umsatz erzielen. Damit liegt die Telekom im Trend. Denn nach einer Studie des Instituts research 2guidance gehen 67 Prozent der Unternehmen im Gesundheitssektor davon aus, dass bereits im Jahr 2015 die Mehrheit des medizinischen Personals in den Industrieländern mobile Applikationen verwenden wird.

iPad auch anderswo im Einsatz
Das mobile Arbeiten wird auch an anderen Krankenhäusern erprobt. Mediziner des Knappschaftskrankenhauses Bochum arbeiten beispielsweise mit dem IT-Dienstleister Tieto zusammen. Auf Basis des Krankenhausinformationssystems (KIS) iMedOne entwickeln sie ebenfalls eine mobile Plattform für das iPad. Für das iPhone bietet Tieto mit der App iM1-Mobile bereits einen mobilen Zugriff auf das KIS iMedOne an. Aber auch die Ärzte der Asklepios Kliniken wollen mithilfe von mobilen Anwendungen Zeit und Kosten sparen. Ihr Partner ist Siemens Healthcare. Das Unternehmen entwickelt derzeit für die Systeme Soarian Clinicals, i.s.h.med und medico mobile Applikationen für iPad und iPhone.

Zeit und Geld sparen
Prof. Dr. Jan Langrehr, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Visze­ralchirurgie am Waldkrankenhaus Spandau, gehört zu den Testern des Checkpad MED. Er kann sich seinen Dienst ohne den Tablet-PC schon nicht mehr vorstellen. Denn das Gerät verschafft ihm bereits jetzt deutliche Zeitgewinne: „Wenn ich früher aus der OP kam, wartete ein riesiger Aktenstapel auf meinem Schreibtisch: Befunde durchsehen und abzeichnen. Mit welchen Patienten geschieht was? Bei einigen Fällen liegen mir auch oft nicht genügend Informationen vor, um eine Entscheidung treffen zu können", erklärt der Chefarzt. Dann muss er Kollegen konsultieren, nachfragen, Befunde neu anfordern oder im Zweifel den Patienten nochmals untersuchen lassen – das kostet natürlich Zeit und Geld. Beides ist im Klinikalltag ein knappes Gut.

Mit einem iPad oder iPhone können die Ärzte ständig ihre Patienteninformationen einsehen und kontrollieren. Während einer Kaffeepause neue Befunde lesen oder Laborwerte freigeben – kein Problem. Wenn Professor Langrehr jetzt nach seinen OP-Terminen an seinen Schreibtisch zurückkehrt, ist sein Stapel merklich niedriger als früher.

Überlastung von Ärzten
Die Ergebnisse einer Umfrage des Marburger Bundes vom Februar 2011 bestätigen das Bild von überlasteten Ärzten: Danach arbeiten vollzeitbeschäftigte Ärztinnen und Ärzte rund 55 Stunden pro Woche. Die hohe zeitliche Belastung steht offenkundig in einem engen Zusammenhang mit der Personalnot der Kliniken. Im Durchschnitt sind 1,5 Arztstellen pro Abteilung unbesetzt. Als besonders störend empfinden die Ärzte die Schreibtischarbeit im Krankenhaus: Mehr als die Hälfte der Mediziner benötigt täglich mehr als zwei Stunden für Verwaltungstätigkeiten. Die Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen drückt sich in klaren Zahlen aus: 41 Prozent der Befragten bezeichnen ihre Arbeitsbedingungen als schlecht oder sehr schlecht.

Carsten Schaulinski, Geschäftsführer des Waldkrankenhauses, nickt. Er kennt das Problem: „Wir machen uns seit Längerem Gedanken, wie wir unsere Ärzte entlasten können. Wir haben uns zum Beispiel Prozesse und Strukturen angeschaut. Wo kann Arbeit delegiert oder anders verteilt werden, wo lässt sich etwas sparen, ohne dass gleich die Qualität leidet?" Viel Spielraum haben Krankenhausbetreiber in Zeiten von knapper werdenden Budgets, steigenden Anforderungen und härterem Wettbewerb nicht.

Lean Management
Die Antwort des Evangelischen Waldkrankenhauses lautet: Lean Management. Das heißt alle Aktivitäten, die für die Wertschöpfung notwendig sind, optimal aufeinander abstimmen und überflüssige Tätigkeiten vermeiden. „Mit Checkpad MED haben wir jetzt den entscheidenden Baustein an die Hand bekommen, um dieses Prinzip auch im Klinikalltag umzusetzen", erklärt der Geschäftsführer. Die Ärzte müssen nicht mehr nach den Informationen suchen, die Information kommt zu den Ärzten. Das spart Zeit und Geld. Dank der attraktiven Geräte steigt außerdem die Arbeitszufriedenheit. Jetzt können die Ärzte endlich vernetzt arbeiten.

Sicherheitsaspekte sind entscheidend
Bei der Einführung von mobilen Lösungen sind jedoch zwei Dinge entscheidend: Zum einen muss der Datenschutz gewährleistet sein und zum anderen müssen Hersteller und Anwender dem Thema Diebstahlschutz mehr Aufmerksamkeit widmen als bei fest installierten Computern. Die Anbieter sollten deshalb über ein mehrstufiges Sicherheits-Konzept verfügen.

Beim Checkpad MED werden die Daten beispielsweise stets verschlüsselt und über einen geschützten Tunnel separat vom öffentlichen Internet übertragen. Dazu gibt es für jeden berechtigten Nutzer Zertifikate, ohne die die Daten nicht abrufbar sind. Jeder Nutzer muss sich mit einer vierstelligen PIN an seinem Gerät registrieren und die eigentliche Anwendung mit einem zweiten, komplexen Passwort starten. Wird ein Gerät als vermisst gemeldet, löscht der Server per Fernzugriff sofort alle auf dem iPad zwischengespeicherten Daten.

Noch herrscht Zurückhaltung
Dass bei Krankenhäusern trotz der Vorteile der mobilen Dokumentation noch eine gewisse Zurückhaltung herrscht, hat zwei Gründe: „Zum einen benötigt ein Krankenhaus eine relativ große Zahl an Mobilgeräten, um mobile IT-Szenarien flächendeckend umsetzen zu können", betont Peter Haas, Professor für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund. Zum anderen sind mobile Lösungen in erster Linie eher etwas für Einrichtungen, die ihre IT schon sehr weit entwickelt haben.

Datenverfügbarkeit gewährleisten
Damit die Mediziner immer über aktuelle Patientendaten verfügen, ruft Checkpad MED alle paar Minuten neue Daten von einem zentralen Server ab. Dieser greift auf die relevanten Datenquellen der Klinik zu und bereitet sie für die Darstellung auf dem iPad auf. Die Informationen können aus einem KIS kommen oder aus Subsystemen und Archiven der Radiologie, des Labors oder der OPs.

Eingescannte Dokumente werden über einen Webservice den entsprechenden Fällen zugeordnet und ebenfalls vom Server verarbeitet. Die Daten werden mobil über ein krankenhausinternes drahtloses lokales Netzwerk (WLAN) oder breitbandig über den Mobilfunkstandard der dritten Generation UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) übertragen. Damit jeder Arzt nur die Infos bekommt, die er benötigt, haben die Entwickler des Systems außerdem ein umfangreiches Rollen- und Rechtekonzept entwickelt.

Mehr Zeit für Patienten
Wie der Test im Waldkrankenhaus Spandau ausgehen wird, ist im Moment noch offen. Allerdings möchte die Oberärztin Sabine Presser ihr iPad schon jetzt nicht mehr hergeben: „Ich habe jetzt deutlich mehr Zeit, mit Patienten oder Kollegen ein nettes Wort zu wechseln. Außerdem kann ich schnell auf alle vorhandenen Informationen zugreifen und meine Arbeit zum Wohl des Patienten als auch des Krankenhauses besser als vorher erledigen."

 

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