Samstag, 21. Oktober 2017
Lars Vollmer

Warum Sie weiter denken müssen als Lean

von Lars Vollmer, Lean-Management – immer noch ein großes Heilsversprechen, um Arbeit in einem umfänglichen Sinne gleichermaßen effektiv und effizient zu machen. Und so ist jedes Unternehmen gut beraten, Verschwendung aus den Prozessen zu eliminieren. Allerdings hat sich durch die stark gestiegene Dynamik heutiger Märkte eine neue Sorte der Verschwendung zu einem wahren Ungeheuer gemausert, das nicht wenigen Unternehmen in den nächsten Jahren das Genick zu brechen droht: Business-Theater oder auch Management-Folklore.

Derlei Verschwendung entsteht immer dann, wenn Tätigkeiten lediglich dazu dienen, die formelle Struktur der Organisation aufrechtzuerhalten. Oder auch: Hierarchien und funktionale Teilung zu manifestieren. Meiner Meinung nach ist das die inzwischen gewichtigste und verlustreichste Form der Verschwendung, die es in Organisationen heute gibt. Und unter ihr leiden sowohl die Menschen als auch die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Unternehmen.

Nichts als Theater

Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten kontemporären Unternehmen durch ein tayloristisches Grundsetting geprägt. Das denkenden und planende Management, in möglichst viele trennscharfe Funktionieren abgeteilt, gibt der ausführenden Mannschaft Aufgaben, und diese wiederum legen nach oben Rechenschaft ab. Will eine Person Teil eines solchen Systems sein, muss sie diese Struktur bedienen und sich entsprechend verhalten. Sie muss dem Chef beispielsweise den angeforderten, aber überflüssigen Bericht rechtzeitig liefern, nur damit für alle deutlich wird, wer in der Organisation etwas einfordern darf und wer liefern muss. Oder eine Präsentation für die Kollegen erstellen, um die Position im Team zu rechtfertigen. Beispiele gibt es viele.

Aber wenn Sie einmal darüber nachdenken, stiften diese Tätigkeiten dem Kunden keinerlei Nutzen – und genau das macht sie verschwenderisch. Die Führungskräfte und ihre Mitarbeiter sehen zwar wahnsinnig busy aus, arbeiten aber nicht wirklich – jedenfalls nicht daran, Kundenprobleme zu lösen. In manchen Unternehmen wird dadurch bis zu 50 % der Arbeitszeit verschwendet. Das ist doch mal lean-verdächtig.

Das bedeutet nun nicht, dass diese Tätigkeiten sinnlos sind. Sie erfüllen sehr wohl ihren Zweck, nämlich einen sozialen – aber eben nur deshalb, weil die Organisationsform der Unternehmen es so verlangt. Wirtschaftlich ist das nicht.

Lean-Management heute weiter denken

Das Tragische daran ist, dass sich die Belegschaften der Unternehmen geradezu verausgaben, ihre Rolle im Unternehmen auszufüllen und sie gut zu spielen. Und damit ihre eigentliche Arbeit nicht komplett auf der Strecke bleibt, versuchen sie in der nach dem ganzen Theater verbleibenden Zeit noch eben das zu erledigen, was der Kunde so braucht. Puh, ganz schön anstrengend! Kein Wunder steigen die Fehltage bei Mitarbeitern und die Burnout-Rate immer weiter an. Und weil ihre hierarchischen Strukturen völlig unflexibel sind, sind theaterlastige Unternehmen zunehmend unfähig, mit der Dynamik und den sich ständig ändernden Anforderungen des Marktes adäquat umzugehen. Ein gefährliches Unterfangen.

Die Menschen in Unternehmen sind also gut beraten, die Managementfolklore dramatisch zu reduzieren – und wieder mehr zu arbeiten. Wohlgemerkt: mehr, nicht länger! Denn nur wenn Unternehmen die bittere Verschwendung von produktiver Arbeitszeit unterlassen – also ›lean‹ weiter denken, machen sie sich zukunftsfähig.

Zur Person:

Lars Vollmer ist Unternehmer und Mitbegründer von intrinsify.me, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt und moderne Unternehmensführung im deutschsprachigen Raum. Er lehrt an mehreren Universitäten und Instituten und ist gefragter Redner auf internationalen Kongressen und Unternehmensveranstaltungen. Er spielt Jazzpiano, trinkt gerne Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona. Sein neuestes Buch »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist 2016 im Linde Verlag erschienen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.