Sonntag, 25. Juni 2017

Viel Spaß bei der Diskussion verschiedener Themen über das Thema LEAN.

Mitarbeiter 4.0

Mitarbeiter 4.0

Die Protagonisten von Industrie 4.0 betonen unermüdlich, dass bei Industrie 4.0 der Mensch im Mittelpunkt steht, weil man ahnt, dass dies gerne gehört wird. Dass der Mensch von Industrie 4.0 profitieren würde hat aber den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die nicht nur das besorgte Publikum, sondern vermutlich auch die Protagonisten selber beruhigen soll.

Im Kern wird der Mensch nämlich als etwas Defizitäres erkannt, das an Industrie 4.0 anzupassen ist. Die Diskussion um die Rolle des Mitarbeiters wird also im Wesentlichen auf das Thema „Qualifikationsbedarf“ reduziert. Die Protagonisten von Industrie 4.0 sagen uns, wie der Mitarbeiter arbeiten wird - beschäftigen sich aber nicht mit der Frage, wie er eigentlich arbeiten will und wieso das alles gut für ihn sein soll.

Außerdem wird Bewährtes zerstört. Die Produzenten hierzulande haben in den letzten beiden Jahrzehnten im Zuge von Lean Production unglaublich große Fortschritte gemacht, die Kreativität und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter, die unmittelbar im Produktionsprozess beschäftigt sind zu aktivieren. Eine wichtige Konsequenz von Lean Production war dabei die Überwindung der bis dahin vorherrschenden Trennung von Denkenden und Ausführenden, wie sie von Ford vorgegeben war. Kein hiesiger Produzent, der diesen Weg gegangen ist, käme im Traum auf die Idee, das Rad zurückzudrehen.
Wohl aber die Protagonisten von

Industrie 4.0. Sie unterteilen die Welt wieder in Denkende und Ausführende. Da waren wir schon mal weiter. Denn Mitarbeiter werden nicht eingeladen, an der Gestaltung des Systems „Industrie 4.0“ mitzuwirken. Dies bleibt einer kleinen Gruppe selbsternannter Experten vorbehalten. Und das ist ein beherzter Schritt in die Vergangenheit.
 
Dabei war doch alles so gut gemeint.
 
Industrie 4.0 soll die Transparenz des Produktionsgeschehens verbessern und entscheidungsrelevante Informationen schneller zur Verfügung stellen. Davon soll der Facharbeiter profitieren: Er bekommt in Echtzeit die für ihn notwendigen Informationen und nutzt sie im Rahmen seiner Rolle. Seine Position wird gestärkt. Er ist der Dirigent der Wertschöpfungskette.
 
Oder etwa nicht? Nein, denn im Ergebnis sieht man bislang die Mitarbeiter nur in der Rolle des Reagierenden. Überwachung wird gleichgesetzt mit „Reagieren auf die Schwesternklingel“.
Dem Mitarbeiter wird nämlich die Aufgabe zugewiesen, im Ausnahmefall – wie bei einer Prozessstörung – einzugreifen. Und dabei sollen ihm die selbstlernenden Systeme mitteilen können, welche Schritte zur Störungsbehebung notwendig sind. Das System meldet also nicht nur seinen Zustand, sondern zeigt auch, was zu tun ist. Damit wird der Mitarbeiter zum Ausführenden von Maschinenbefehlen. Problemlösungskompetenz wird nicht mehr gefragt sein.
 
Den Mitarbeiter in der Produktion wird es weiterhin geben – nur muss er sich daran gewöhnen, auf optische und akustische Signale von technischen Systemen zu reagieren und vorbestimmte Handlungsmuster auszuführen. Das kann ja im Sinne des Produktionsprozesses durchaus richtig sein. Nur sollte man nicht davon sprechen, dass die Rolle des Mitarbeiters durch Industrie 4.0 aufgewertet würde.
 
Wenn darüber hinaus die Vorhersagen eintreffen, wonach sich das Material seinen Weg eigenständig durch die Produktion bahnt, dispositive Entscheidungen trifft und Ressourcen anfordert, so wird der Mitarbeiter endgültig zum Objekt. Er muss sich an die Vorstellung gewöhnen, dass das Werkstück bestimmt, was er wann und wo zu tun hat. Die Aufgaben des Vorgesetzten übernimmt dann das Material, das bearbeitet werden möchte. Ein seltsames Verständnis von Dirigententum.
 
Aber vielleicht sind ja mit der Bezeichnung „Dirigent“ ganz andere Menschen gemeint. Nicht die Mitarbeiter auf dem Shop-Floor, sondern die Ingenieure. Hier hat Industrie 4.0 in der Tat viele Freunde, geht es schließlich doch um ein echtes Technikthema, bei dem der Ingenieur endlich wieder Ingenieur sein darf. Maschinenelemente, Hardware und Software werden miteinander verbunden; der große technische Wurf wird gemacht.
 
Wie unendlich groß muss da die Erleichterung bei denen sein, die sich mit Shop-Floor Management, Kaizen und Kata und den ganzen „Räucherstäbchenrunden“ nie haben anfreunden wollen. Begeistert sind auch all diejenigen, die Betriebsführung mit der Gestaltung von technischen Systemen verwechseln und lieber mit Technik als mit Menschen zu tun haben. An dieser Stelle sind viele Maschinenbau- und Softwareingenieure Brüder im Geiste und erfreuen sich gemeinsam an den technischen Möglichkeiten.
 
Auf den Punkt gebracht: Industrie 4.0 ermöglicht den Führungsschwachen die langersehnte Flucht vor ihren eigenen Mitarbeitern.
 
Und genau jene sind gemeint, wenn von Dirigenten der Wertschöpfungskette die Rede ist. Denn sie sind ja schließlich die Schöpfer und Meister dieses Systems. Doch deren Freude ist verfrüht: da diese Systeme ja selbstlernend angelegt sind, werden sie sich bald selber konfigurieren können. Die Dirigenten können nach Hause gehen, weil die Orchester sie nicht mehr brauchen. Diese Menschen arbeiten mit Hochdruck und Begeisterung an genau den Systemen, die sie selber eines Tages überflüssig machen – und niemanden scheint es zu stören.
 
Dabei hätte man mit der hinter Industrie 4.0 stehenden Technologie die historische Chance, dafür zu sorgen, dass der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte der Industrie nicht mehr disponibler Produktionsfaktor – auf einer Stufe mit Material und Maschinen – und Mittel zum Zweck ist, sondern dass die Fabrik erstmals nach seinen Bedürfnissen gestaltet wird und dass Produktion und Wertschöpfung auch ein Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung ist.
 
Das wäre ein echter Beleg dafür, dass hier wirklich Revolutionäres geschieht. Tut es aber nicht – und deswegen hört man hier auch nichts Entsprechendes.
 
Industrie 4.0 wird in dieser Form unter anderem auch deswegen scheitern, weil sie am Menschen vorbeientwickelt wird und ihm die Rolle des passiv Ausführenden zuweist, statt ihn – wie heute üblich – an der Gestaltung der Arbeitsprozesse zu beteiligen.

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Kommentare 1

 
Mari Furukawa-Caspary am Sonntag, 24. Juli 2016 18:54
Vielen Dank für diesen Artikel

- vielen Dank für diesen Artikel. Man kann nicht oft genug betonen, dass sehr viele der mittlerweile überall vorgestellten Ansätze von Industrie 4.0 die bisherigen Erfolge von "Lean" völlig ignorieren oder konterkarieren.
Daran hat neuerdings leider auch die akademisch dominierte Rezeption dieses Themas keinen geringen Anteil. Wer sich ohne jegliche persönliche Anschauung, wie ein wirklich funktionierendes und praktizierendes Unternehmen arbeitet, dieser Thematik über die angelsächsische Literatur nähert, und durch die weit verbreitete "tayloristische Brille" die Beschreibungen der Tools und Methoden liest, wird sehr leicht dazu verleitet, die gewohnte Arbeitsteilung des industriellen Zeitalters nicht zu hinterfragen. Viel zu selten wird darüber reflektiert, dass das sogenannte "Lean System" nicht dafür ersonnen wurde, um die herkömmlich strukturierten industriellen Organisationen besser funktionieren zu lassen. (Vor allem in den vielen Abschlussarbeiten junger Leute, die über keine langen Produktionerfahrungen verfügen, so löblich das interesse auch ist - leider) Der von den Amerikanern als "lean" wahrgenommene positive Ergebnis dieser Wirtschaftsweise resultiert a) aus der Not, dass unter bestimmten Marktbedingungen der Skaleneffekt nicht erzielt werden kann und man deshalb gezwungen ist, andere Wege zu beschreiten, als es in der traditionellen Betriebswirtschaftslehre gelehrt wird und 2) aus einer völlig anderen Sichtweise auf das Verhältnis der Faktoren Mensch, Material und Maschine .
Um es verkürzt auszudrücken: Das "schlanke" Unternehmen ist nur deshalb im Stande, nachhaltig immer schlanker zu werden, weil es sich nicht als einen rational durchgeplanten Apparat ansieht, in dem alles nach Plan zu funktionieren hat, damit am Ende ein Gewinn herauskommt, sondern weil es sich als einen Zusammenschluss von mündigen Bürgern ansieht, die ihre unterschiedlichsten Talente strukturiert und raffiniert kombinieren, um ihr geballtes Wissen schneller und sauberer in das Produkt zu gießen, welches optimaler Weise dem Kundenwunsch entspricht, und deshalb vom Kunden auskömmlich entlohnt wird. Das Knowhow, wie man das Herstellungswissen schneller und sauberer in ein Produkt transformiert, konzentriert sich hierbei hauptsächlich um das Zusammenspiel der Faktoren Mensch, Maschine und Material, wobei dem Menschen die entscheidende Rolle zukommt, dieses Zusammenspiel an jeder Schnittstelle permanent zu verbessern. Das geht nicht, wenn der Mensch vermeintlich rational vorgegebene Funktionen zu erfüllen hat - sondern nur, wenn er einen festen Willen entwickelt, die "Dinge", die er an seinem Arbeitsplatz vorfindet, "perfekt zu beherrschen". Die "Schlankheit" der praktizierenden schlanken Unternehmen resultiert nicht aus der Unterwerfung der Menschen unter die Ratio, sondern aus dem Zunutzemachen des Denk-, Lern- und Kommunikationsvermögen aller mündigen Bürger an ihren Arbeitsplätzen mit dem Ziel, durch das stetig anwachsende Knowhow, dem Kunden seinen Wunsch schneller und sauberer anbieten können als die Konkurrenz, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, was einem einzelnen unmöglich ist, und durch diese Zusammenarbeit ein ordentliches Auskommen für alle zu erwirtschaften. Der Mensch im Mittelpunkt ist im Lean nicht bloße Parole, sondern Dreh- und Angelpunkt des Gelingens. Ein Unternehmen schlank durchzustrukturieren allein ist kein Lean, weil die nachhaltige "Verschlankung" nur das Ergebnis eines dynamischen Lernprozesses ist, dass durch ein raffiniertes Wissensanreicherungssystem ermöglicht wird.
Viele der Industrie 4.0 - Ideen lassen jedoch dieses Wissensanreicherungssystem, welches die Voraussetzung für den Erfolg ist, völlig außer acht, und gehen noch heute von einem rational vorgeplanten Wissensdurchleitungssystem aus.
Das ist auch meiner Meinung nach eine sehr enttäuschende Entwicklung, die die Chancen der modernen Informationstechnologien völlig verkennt, und dazu missbraucht, eine veraltete Wirtschaftsweise unnötig zu konservieren.

Liebe Grüße
Mari Furukawa-Caspary

- vielen Dank für diesen Artikel. Man kann nicht oft genug betonen, dass sehr viele der mittlerweile überall vorgestellten Ansätze von Industrie 4.0 die bisherigen Erfolge von "Lean" völlig ignorieren oder konterkarieren. Daran hat neuerdings leider auch die akademisch dominierte Rezeption dieses Themas keinen geringen Anteil. Wer sich ohne jegliche persönliche Anschauung, wie ein wirklich funktionierendes und praktizierendes Unternehmen arbeitet, dieser Thematik über die angelsächsische Literatur nähert, und durch die weit verbreitete "tayloristische Brille" die Beschreibungen der Tools und Methoden liest, wird sehr leicht dazu verleitet, die gewohnte Arbeitsteilung des industriellen Zeitalters nicht zu hinterfragen. Viel zu selten wird darüber reflektiert, dass das sogenannte "Lean System" nicht dafür ersonnen wurde, um die herkömmlich strukturierten industriellen Organisationen besser funktionieren zu lassen. (Vor allem in den vielen Abschlussarbeiten junger Leute, die über keine langen Produktionerfahrungen verfügen, so löblich das interesse auch ist - leider) Der von den Amerikanern als "lean" wahrgenommene positive Ergebnis dieser Wirtschaftsweise resultiert a) aus der Not, dass unter bestimmten Marktbedingungen der Skaleneffekt nicht erzielt werden kann und man deshalb gezwungen ist, andere Wege zu beschreiten, als es in der traditionellen Betriebswirtschaftslehre gelehrt wird und 2) aus einer völlig anderen Sichtweise auf das Verhältnis der Faktoren Mensch, Material und Maschine . Um es verkürzt auszudrücken: Das "schlanke" Unternehmen ist nur deshalb im Stande, nachhaltig immer schlanker zu werden, weil es sich nicht als einen rational durchgeplanten Apparat ansieht, in dem alles nach Plan zu funktionieren hat, damit am Ende ein Gewinn herauskommt, sondern weil es sich als einen Zusammenschluss von mündigen Bürgern ansieht, die ihre unterschiedlichsten Talente strukturiert und raffiniert kombinieren, um ihr geballtes Wissen schneller und sauberer in das Produkt zu gießen, welches optimaler Weise dem Kundenwunsch entspricht, und deshalb vom Kunden auskömmlich entlohnt wird. Das Knowhow, wie man das Herstellungswissen schneller und sauberer in ein Produkt transformiert, konzentriert sich hierbei hauptsächlich um das Zusammenspiel der Faktoren Mensch, Maschine und Material, wobei dem Menschen die entscheidende Rolle zukommt, dieses Zusammenspiel an jeder Schnittstelle permanent zu verbessern. Das geht nicht, wenn der Mensch vermeintlich rational vorgegebene Funktionen zu erfüllen hat - sondern nur, wenn er einen festen Willen entwickelt, die "Dinge", die er an seinem Arbeitsplatz vorfindet, "perfekt zu beherrschen". Die "Schlankheit" der praktizierenden schlanken Unternehmen resultiert nicht aus der Unterwerfung der Menschen unter die Ratio, sondern aus dem Zunutzemachen des Denk-, Lern- und Kommunikationsvermögen aller mündigen Bürger an ihren Arbeitsplätzen mit dem Ziel, durch das stetig anwachsende Knowhow, dem Kunden seinen Wunsch schneller und sauberer anbieten können als die Konkurrenz, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, was einem einzelnen unmöglich ist, und durch diese Zusammenarbeit ein ordentliches Auskommen für alle zu erwirtschaften. Der Mensch im Mittelpunkt ist im Lean nicht bloße Parole, sondern Dreh- und Angelpunkt des Gelingens. Ein Unternehmen schlank durchzustrukturieren allein ist kein Lean, weil die nachhaltige "Verschlankung" nur das Ergebnis eines dynamischen Lernprozesses ist, dass durch ein raffiniertes Wissensanreicherungssystem ermöglicht wird. Viele der Industrie 4.0 - Ideen lassen jedoch dieses Wissensanreicherungssystem, welches die Voraussetzung für den Erfolg ist, völlig außer acht, und gehen noch heute von einem rational vorgeplanten Wissensdurchleitungssystem aus. Das ist auch meiner Meinung nach eine sehr enttäuschende Entwicklung, die die Chancen der modernen Informationstechnologien völlig verkennt, und dazu missbraucht, eine veraltete Wirtschaftsweise unnötig zu konservieren. Liebe Grüße Mari Furukawa-Caspary
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