Mittwoch, 13. Dezember 2017
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Industrie 4.0: Lean Production im neuen Gewand?

Nach der anfänglichen Euphorie beobachten wir in letzter Zeit zunehmend kritische Stimmen zum Thema Industrie 4.0. Wir werden hier nicht auf die Auseinandersetzung zwischen Arbeitsplatzvernichtung und neuen Technologien eingehen, da dafür die Datenlage noch zu dünn ist. Aber darüber hinaus gibt es weitere kritische Stimmen, z.B. in der neuesten Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brand eins. Aber es gibt auch Beispiele erfolgreicher Einführung von digitalen Geschäftsmodellen. Je intensiver I 4.0 von Seiten der Politik angepriesen wird, um so skeptischer scheinen die Unternehmen zu bleiben.

Zugegeben, es gibt die Erfolgsgeschichten, wie z.B. CEWE Color. CEWE hat ein neues Geschäftsmodell eingeführt, welches das Internet nutzt, um dem Kunden eine Dienstleistung an zu bieten, die er gerne kauft: selbstgestaltete Fotoalben. Mit dem Angebot konnte sich CEWE vor der drohenden Pleite retten, ganz im Gegensatz zu Kodak, die die Digitalisierung nicht überstanden haben. CEWE haben lange vor der Einführung des Begriffs Industrie 4.0 ein Produkt entwickelt, das der Internet affine, moderne, digitale Kunde gerne nutzt, weil es ihm Zeit- und Kostenersparnis und Spaß bringt. Auch Bankgeschäfte von zuhause sind für viele Kunden seit Jahren Standard, weil sie die extrem begrenzten Öffnungszeiten der Banken umgehen helfen. Auch der landesweite Flohmarkt, der zahlungsbereite Kunden für alles findet (ebay), ist eine der frühen Erfolgsgeschichten der digitalen Revolution. Bestellung von genormten Produkten wie Bücher oder CDs werden auch sehr gut angenommen, weil es bequem ist, im Internet nach der neuesten Musik des Lieblingskünstlers zu suchen und dann im selben Atemzug, vom Sessel aus zu kaufen dabei u.U. sogar noch Geld zu sparen.

Ein Bereich , in dem die Digitalisierung sehr stark wächst ist das Marketing und die Werbewirtschaft (siehe Artikel Heinz S. z, Weichert S. y) Bei diesen Beispielen handelt sich um neue Geschäftsmodelle im Bereich B2C, die bestehende Strukturen zerstören ABER den Kunden auch immer einen Mehrwert bieten. Man kann sagen, dass die Digitalisierung im Endkundengeschäft gut läuft. Aber wo bleiben die Beispiele aus der Industrieproduktion, dem was wir eigentlich unter Industrie 4.0 verstehen wollen? Es gibt dazu Beispiele, aber nicht viele.

Erinnert sei daran, dass der Begriff „Industrie 4.0“ von einigen Politikberatern aus Bitcom und Acatech vor 2 Jahren eingeführt wurde, um den weltweiten Techniktrend der Digitalisierung für die deutsche Industrie hier unter einem griffigen Namen zu etablieren. Der Hintergrund war ehrenwert: nach Halbleitern, Hardware und Software, die schwerpunktmäßig in den USA erfunden, entwickelt und produziert wurden, sollte nicht erneut eine große technische Entwicklung an der deutschen Wirtschaft vorbei gehen. Die Analyse: deutscher Maschinenbau plus digitale Möglichkeiten sichert unseren Lebensstandard für die nächsten Jahrzehnte, ist sehr bestechend.

Die Politik hat deshalb 5 Kompetenzzentren Industrie 4.0 eingeführt, die für das Thema sensibilisieren und schulen sollen (siehe S. xy). Denn die Akteure in der Wirtschaft halten sich noch vielfach zurück bei der Digitalisierung. Die Klagen in der Presse, wie z.B. in der VDE Umfrage „Wird Deutschland beim IoT abgehängt?“ sind vielfältig. Vielleicht sind die Unternehmen noch nicht so weit? Oder sie sind stark ausgelastet mit der aktuellen Vollbeschäftigung. Oder ist der Leidensdruck nicht groß genug?

In der Rückschau zu den früheren industriellen „Revolutionen“ muss man aber sicher auch andere Zeiträume einplanen. Wie bei der Einführung der Automatisierung (Roboter), die nach über 30 Jahren längst noch nicht abgeschlossen ist, wird auch die Vision der sich selbst steuernden, intelligenten Fabrik mit Sensoren, Aktoren, RFID-Markierung an den Werkstücken, mit selbstlernende Maschinen und Robotern, mit weit verbreiteten Möglichkeiten zur Bestellung von bestimmten Merkmalen durch die Kunden, welche direkt die Produktionsmaschinen steuern, noch auf sich warten lassen. Es gibt diese Beispiele in der Holzbearbeitung, z.B. bei Fertigküchen und Fertighäusern, wo jetzt flexible cm-Maße hergestellt werden können. Normbreite von Möbeln war gestern, heute kann sich die Fertigungsstraße an Kundenwünsche anpassen. Und bei der Automobilproduktion wird schon länger mit derartig vielen Varianten gearbeitet das man bereits von Losgröße 1 sprechen kann.

Was hier seit Jahren evolutionär wirkt, ist vielleicht gar nicht vollständig neu, es sind die Ideen von Lean Production kombiniert mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Die Nähe von Lean und Industrie 4.0 wird sehr deutlich beim MiT 4.0 in Darmstadt (siehe Marth S. xy). Das ist an dem Fachgebiet Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (ptw) im Fachbereich Maschinenbau angesiedelt, wo seit Jahrzehnten die Prinzipien von Lean in der Produktion gelehrt werden. Ist I 4.0 also nur die digitalisierte, Internet-basierte Lean Production? Das Institut für angewandt Arbeitswissenschaft der Universität Düsseldorf (ifaa) geht davon aus. Nur wenn man klar definierte Prozesse in der Produktion hat, und diese ohne Medienbrüche organisiert sind, kann man sie digitalisieren. Das ist fast trivial, denn man kann Prozesse nur mit einer Software automatisieren, die immer gleich ablaufen.

Selbstverständlich können mit der heutigen Sensorik viel mehr Informationen digital erfasst werden, als bisher. Hier kommt man in einen Bereich, der mit Big Data Auswertung umschrieben wird, und teilweise nur mit Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) also selbstlernenden Maschinen angemessen ausgewertet werden kann. In einer sinnvollen Reihenfolge bei der Einführung von I 4.0 käme nach Fraunhofer IAO zunächst die Informationsverarbeitung, dann die Vernetzung bzw. Interaktion der Maschinen und Menschen und in einem dritten, heute noch sehr visionären Schritt die Intelligenz, womit die eigenständige Entscheidung von Maschinen (Robotern) gemeint ist. Die Unternehmen, die sich jetzt auf den Weg in Richtung Industrie 4.0 machen, müssen nicht zwangsläufig sofort alle Stufen digitalen Evolution und auch nicht in allen Unternehmensbereichen in der selben Geschwindigkeit einführen.

Wenn die Produkte den Kontakt zum Hersteller halten und als cyber-physische Systeme ihren Zustand über das Internet an den Hersteller melden, ist die „höchste“ Stufe im Rahmen einer I 4.0 Entwicklung erreicht. Dann kann ein Hersteller nicht nur sein Produkt, sondern eine Service-Lösung im Rahmen eines ganz neuen Geschäftsmodells anbieten. Ein solchermaßen intelligent weiter entwickeltes Produkt kann z.B. ein Baustellenfahrzeug sein. Abgerechnet wird Leistung (z.B. Kubikmeter Erdbewegung). Da der Hersteller von der Maschine informiert wird, wenn ein Teil Verschleiß zeigt, oder ein Füllstand (Öl) zu niedrig ist, kann er frühzeitig und maschinenschonend erforderliche Wartungsarbeiten veranlassen.

Der Satz der HP-Chefin Carly Fiorina: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“ sollte jedoch Ansporn sein, jetzt mit dem Prozess der Digitalisierung zu beginnen, um einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu behalten. „Die Unternehmen müssen sich schnell Lösungen einfallen lassen, um sich zukunftsfest zu machen“ sagt EY Partner P. English. Dass viele positive Ansätze vorhanden sind, zeigen die Beispiele in diesem Heft (Haf, Mandau, Mia + Tinnis, Fuchs). Die IHK Hessen innovativ arbeitet eng mit dem MiT 4.0 in Darmstadt zusammen, um die hessischen Unternehmen immer auf dem Laufenden halten zu können, was Best Practices und neue Entwicklungen angeht. Dazu wird es sicher auch auf der Lean-Konferenz 2017 (21.2.17) in der IHK Frankfurt, die unter dem Motto ´Lean Production im Zeitalter von Industrie 4.0´ veranstaltet wird, wertvolle Anregungen geben.

Wie auch immer Sie in ihrem Unternehmen I 4.0 einführen, ob als Fortsetzung der ´Kontinuierlichen Verbesserungsprozesse´ (KVP) oder Lean-Methoden mit digitalen Mitteln, ob als automatische Datenerfassung mit Sensoren oder durch die Umstellung vom Produkt zur Dienstleistung oder gar der Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells, wir beraten sie auch in diesem Feld der Innovation.

Kai Blanck
IHK Hessen innovativ

Weitere Infos zur Lean-Konferenz 2017 (21.2.17) in der IHK Frankfurt

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